Frisch von der Leipziger Buchmesse 2015 kommend, hat es mir ein Autor besonders angetan. Nicht nur, weil er stilistisch in Sachen Originalität und Eigenheit hervorsticht, sondern sogar zu wiederholtem Lesen auffordert.
Peter Neitzke hält sich an keine Genregrenze.
Das ist ausgesprochen wohltuend.

Sich aus dem Staub machen: Frantz Morelli macht das, und zwar sehr gründlich. Zuvor hat er dem Lebenskünstler und Bonvivant Gregor Hellmann 3000 Euro abgeknöpft um dessen Biographie zu schreiben. Statt dessen stürzt Morelli eine Matratze voller Erinnerungen und Aufzeichnungen aus dem Fnester und verschwindet in seinem stahlblauen Opel Admiral ins Nichts. Und Hellmann sucht ihn. Ungeschrieben bleibt die Autobiographie, denn Morelli ist nicht mehr erreichbar. Hellmann klappert alle Adressen ab, die ihm der betrügerische Ghostwriter in Form eines bis auf Einträge unter dem Buchstaben K ruinierten Telefonregisters hinterließ – Kaminski, Krohn, Kugelmann, Knallhardt, Korn, Klostermann, Krämer, Kálmán –, und hört sich Geschichten an, aus denen sich das Porträt eines Aufschneiders und Phantasten zusammensetzen ließe. Aber Morellis derzeitige Adresse? Fehlanzeige.

Ehrlich gestanden: Nie zuvor etwas von Peter Neitzke gelesen. Vielleicht sogar verzeihlich, ist der Autor doch in erster Linie als Publizist und Autor der architekturkritischen Reihe „Bauwelt Fundamente“ in Erscheinung getreten. Sein erster Roman SCHWARZE WÄNDE erschien 2008 (Verlag textem, Hamburg). Rezensionen dieses Buches spuckt das Internet nicht aus, so daß wir an dieser Stelle einen kurzen Blick zurück auf diese erste Romanerzählung werfen sollten. Da geht es um einen Architekten, Leo Wildberg. Dessen prominenteste Bauten fallen Sprengstoffanschlägen zum Opfer – präzise ausgeführt, Täter und Motiv unbekannt. Der Architekt schweigt, dann taucht er ab. Als er wieder auftaucht, schockt er sein Publikum mit einer Feststellung, die man von einem Architekten nicht erwarten würde: „Vor dem Haufen Asche, der von einigen meiner Bauten übrig geblieben war, leuchtete mir auf einmal ein, dass nicht alles bleiben müsse, was irgend jemand einmal in die Welt setzte“.

Ausbrechen, Verschwinden, Asche und Ewigkeit

Das plötzliche Verschwinden einer Figur, das Verknüpfen von Surrealem und Realem, das geschickte Verwischen der Wahrnehmung und sanfte Hinübergleiten in kafkaeske Szenerien, das zeigte Neitzke schon in diesem Buch. Unverständlich, daß es kein größeres Echo hervorrief, unrezensiert, unbeworben blieb. Es funkelt mit sardonischem Witz und überbordender Fabulierfreude. das Fundament aber ist die genaue Kenntnis dessen, woirüber neitzke schreibt, nämlich das ganze Gewerbe der Architektur, die Eitelkeiten der Akteure auf internationalem Parkett, der Ewigkeitsanspruch, den jeder Architekt in seine bauten setzt. Das ist alles fragwürdig und wird von Neitzke lustvoll als papierenes Gewerbe der Eitelkeit ausgeleuchtet.
Wer nun aber „Schwarze Wände“ las – es werden so viele nicht gewesen sein – den wird es freuen, in diesem Frühjahr wieder auf diesen Peter Neitzke zu stoßen – diesmal dank des Hablizel-Verlages.

Der Hablizel-Verlag ist ein Unikum. Hervorgegangen aus dem innovativen SPEX-Magazin, hat sich Verleger Markus Hablizel auf Stoffe spezialisiert, die in der Branche gern als „unverkäuflich“ abgestempelt werden. Bücher, die sich zwischen den Genres bewegen, die anders sind als der gängige Berlinroman, die innovativ mit Erzählformen spielen. Nischenprodukte für Genießer und Kenner, doch es sollte – muß – ein größeres Leserpublikum aufmerksam werden – zumal Neitzke in eine Liga mit Leuten wie Dietmar Dath oder Ror Wolf einzuordnen wäre, deren Freude am Verschieben von geltenden Erzählregeln und Wahrnehmungen er teilt.

„(…) Ein haarfeiner Riss. Hindurchsehen, hinaussehen fast unmöglich. Ich stecke die kalte Hand durch den Riss in der Matratze, weite ihn, ich kann den Sturz nicht au/l halten, nur langsamer machen, merkwürdig, wie so ein schweres Ding langsamer als eine Feder in die Tiefe sinkt. Nassschwarzes, eine Fensterbank. Feuchtglänzende rotschwarze Ziegel, ich kann sie berühren, einen nach dem anderen, in einem gedehnten Sinkflug, wie mit einer Hochgeschwindigkeitskamera gefilmt, aus einer Sekunde werden Minuten, ich sehe eine Wand, Einschüsse, ich höre Schreie, meine Hand fährt über die kalten Steine“.

Die Matratze voller Aufschriebe und Erinnerungen, die Morelli aus dem Fnester stürzt ist der Nukleus einer Geschichte, die sich als herrlich absurde, dabei sprachlich funkelnde Mitdenkaufgabe entpuppt. Morelli ist nicht das, was er scheint, aber insgesamt durchläuft jede Figur in diesem Roman fortwährende Mutationen; nichts ist von Bestand und in der Gesamtkonstruktion erweist sich Neitzke einmal mehr als intimer Kenner der Architektur, indem er das Prinzip der „Scheinarchitektur“ auf die Literatur überträgt. Da werden dem Leser täuschend wirklichkeitsgetreue Szenarien aufgebaut, wird das Vorhandensein und Nichtvorhandensein bestimmter Sachverhalte postuliert – nur um den Leser dann tief in einen fabulierfreudigen Kaninchenbau zu jagen, der als literarische Illusionsmalerei geschickt alle Perspektiven verzerrt. Neitzke erfüllt keine Erwartungen, belohnt dafür mit geistreichen Verwirrspielen, Charaden und Sprachspielen, epischen Fußnoten und Leuchtreflexen; man fühlt sich ans collagierende Erzählen Arno Schmidts erinnert, der kriminologische Unterton, der Hellmanns Suche nach Morelli unterfüttert, paraphrasiert und parodiert das Krimigenre.

Das Feuilleton könnte seine Probleme mit diesem Konglomerat haben. In welche Schublade läßt sich das Buch stecken? In keine. An wen richtet sich das Buch? Jedenfalls richtet es sich nicht an Leser, die einfach unterhalten werden wollen und nicht traurig sind, wenn das Buch im Bus liegen bleibt.
Leser, die mit brennenden Gedanken den Spiellinien des Neitzke-Romans folgen,  werden das Buch indessen nicht mehr weglegen wollen. Gerade weil es nicht einfach ist und keinem gängigen Muster entgegen kommt.

Vielleicht sogar ein Antiroman?

Einen Antiroman wollte er schreiben, meinte Peter Neitzke über „Morelli verschwindet“.
Den Leser mit hinein ziehen ins Komplott, ihn zum Mitwisser, gar -täter machen.
Das ist ihm gelungen. Und zwar so gut, daß man das Buch gern wieder zur Hand nehmen wird – wenn sich die heißglühenden Hirnwindungen nach dem Genuss des 150-Seiten-Werks ein wenig abgekühlt haben.

Peter Neitzke war Architekt, Autor, langjähriger Verlagslektor und Herausgeber der Buchreihe Bauwelt Fundamente (Birkhäuser-Verlag, Basel).
Er starb am 15. März 2015 in Zürich. Es ist zu hoffen, daß sich im Nachlass des Autors weitere Schätze finden, die ein mutiger Verleger zu heben versteht.

BÜCHER:

Peter Neitzke: Morelli verschwindet
Hablizel-Verlag, Lohmar, 2015
ISBN 978-3-941978-19-5
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Peter Neitzke: Schwarze Wände
Roman, Textem-Verlag, 2008
ISBN 978-3-938801-42-0
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