Bilgerverlag
seit 15 Jahren
zu Wasser zu Lande in der Luft
träumend schäumend verspielt auf Papier
an randlosen Rändern
auf dem Rücken des Wals
mit Kometen surfend
Birkenschaukler, Herr Frost
singend und heulend
bockig und karessierend
Antilopen, sich gegenseitig
den Staub aus den Augen blasend
Salz und Knoblauch als Zehrung
Silber im Wappen
und Herz und Herz und Herz

Zur Literaturwoche Donau 2016 luden wir den Bilgerverlag aus Zürich ein. Ricco Bilger ist Buchhändler (Buchhandlung sec52 – LINK), Verleger und Leser aus Leidenschaft, kompromisslos, fernab aller Manierismen und Exaltiertheiten des Mainstreams. 1983 gründete er in der Josefstrasse 52 in Zürich seine „Buchhandlung Sec52“, schloss ihr eine Galerie an, die als Plattform für junge Schweizer Kunst Erstausstellungen mit Künstlern wie Ugo Rondinone, Alex Herzog, Hannes Brunner, Elsbeth Kuchen, Dagmar Heinrich oder Yves Netzhammer realisierte. Zur gleichen Zeit publizierte die „edition sec52“ (der spätere Verlag Ricco Bilger) die ersten Bücher junger Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Besondere Beachtung fand die Publikation der beiden Bücher „Techno“ und „Ecstasy“, zu den Autoren der ersten Stunde gehörten Kristin T. Schnider, Elisabeth Wandeler-Deck, André Vladimir Heiz, Urs Augstburger, Roger Monnerat und Daniel Goetsch. 2001 ging aus dem „Verlag Ricco Bilger“ der heutige „Bilgerverlag“ hervor, dessen Spezialität neben der Wiederveröffentlichung von Klassikern – beispielsweise „Cider with Rosie“ (LINK) von Laurie Lee – eben die noch unentdeckte Kontinente der Gegenwartsliteratur sind.

„Bücher, die der Leser braucht“

Soweit zur Verlagsgeschichte, die viel und wenig zugleich erzählt. Man muß den Buchhandelshintergrund Ricco Bilgers im Blick behalten, wenn man sein Verlagsprogramm betrachtet.
Da geht es – ganz im Sinne der Verlegerlegende Kurt Wolff – nicht um Bücher für die Masse, also „Bücher, die die Leser wollen“, sondern vielmehr um „Bücher, die der Leser braucht“. Selbst wenn er das noch nicht weiß.
Erlebt man Ricco Bilger einmal live, so erlebt man einen Verleger, der für seine Autoren durch dick und dünn geht. Sich mit ihnen freut für jeden Erfolg, mit ihnen leidet, wenn das große Echo ausbleibt. Der alles riskiert, um ein Buch, an das er glaubt, umzusetzen.
Man erlebt in Bilger einen inspirierten Erzähler und eine Verlegerpersönlichkeit klassischen Schlages – und man gerät mit ihm hinein in lange und sehr schöne Gespräche über Literatur, Bücher, Autoren, Verlage, über den Buchhandel sowie über Bildende Kunst und Künstler. Fesselnd berichtet Bilger beispielsweise, wie er den argentinischen Schriftsteller Hernán Ronsino entdeckte, der gegenwärtig einen Schwerpunkt in Bilgers Verlagsprogramm darstellt.

Bei einem Verlegertreffen in Argentinien wurde Bilger immer wieder der Name „Hernán Ronsino“ vorgestellt – en passant – als Geheimtipp – und Bilger verstand trotz lückenhafter Spanischkenntnisse, daß es sich bei dem Roman „Glaxo“, der eben im Verlag Eterna Cadencia in Buenos Aires ershcienen war, um etwas ganz besonderes handeln musste. „Einfach jeder hatte den namen dieses Autoren im Mund, jeder sprach von diesem Roman Glaxo, und ich wurde immer neugieriger und fragte jeden: wer ist dieser Ronsino, was hat er geschrieben?“, berichtete Bilger bei der „Literaturwoche Donau“.
Am Abend nach dem Verlegertreffen fand Bilger sich neben einem bärtigen Hünen an der Bar wieder. Man war sich sympathisch, trank gemeinsam und sprach – radebrechte – über Literatur. Gegen 2 Uhr morgens schließlich nahm Bilger den freundlichen Hünen neben sich zur Seite und fragte: „Kennst du einen Ronsino?“
Der Hüne antwortete: „Das bin ich“.

Unterdessen ist Ronsino Autor des Bilgerverlages, der diesen faszinierenden Autor erstmals auf Deutsch publizierte und nach „Glaxo“ (dt. „Letzter Zug nach Buenos Aires“, ISBN 978-3-03762-022-9) auch dessen opulentes Opus „Lumbre“ (dt. „Glühen“) publizierte. Mit Lumbre hat sich der Argentinier Ronsino in eine Reihe mit den grossen Romanciers Südamerikas der letzten fünfzig Jahre gestellt.

„Jedes Stück Mauer in dieser Stadt trägt, wie eine Haut, die Spuren meiner Geschichte.“

„Geboren bin ich – neunzig Jahre nachdem Urquizas Truppen auf den Ländereien von Gorostiaga gerastet hatten – am Morgen des 28. Januar 1942. Am Ufer der Laguna del Tigre. An diesem Tag – zur selben Stunde – notierte Pavese in sein Turiner Tagebuch – kann es sein, dass er um die Lagune wusste, um den Todeskampf meiner Mutter, die unter den Sternen verblutete, um mich zerbrechliches Wesen auf den Brettern des Milchwagens? –: Sich an etwas zu erinnern bedeutet, es – jetzt erst – zum ersten Mal zu sehen. Die Erinnerung ist ein lichtes Gebären.“

Geschildert werden in „Lumbre“ drei Tage im Leben des Erzählers Federico Souza, der nach Jahren der Abwesenheit in seine Heimatstadt zurückkehrt, weil ein alter Freund der Familie, Pajarito Lernú, unter ungeklärten Umständen gestorben ist – und ihm eine Kuh hinterlassen hat. Ein Kosmos von Erzählsträngen, die sich inenander verschlingen, bildmächtig nicht nur das Wiederkehren Federico Souzas protokolliert, sondern auch in Fragmenten die Geschichte der Bewohner darstellt. Fiktive wie historische Nebenstränge in der Erzählung runden sich zum großen Bild einer Zeit – etwa im Abbild eines politisch motivierten Mordes an dem modernistischen Dichter Carlos Ortiz in Chivilcoy. Und zur Verfilmung dieses Ereignisses mit einem Drehbuch aus der Feder von Julio Denis (Cortázar), in jungen Jahren als Lehrer in dem Städtchen.

Wie erzählt man einen Baum?

Ronsino treibt die Arme seiner Erzählung tief in die lateinamerikanische Gescichte und Befindlichkeit, wie die Wurzeln eines Baumes verzweigen und verästeln sich die Geschenisse und tragen ihre Spuren in die ganze Welt: der Krieg auf dem Balkan, nach Vanscoy in Kanada, dem Heimatort von Federico Souzas Partnerin Hélène, in die Träume des Hugo Luna von einem Start an der Tour de France. „Wie ein Film der Coen brothers“ sei da manches Bild, so Bilger. Und gerät ins Schwärmen, wenn er Ronsinos Kunst beschreibt: „Hernán Ronsino schreibt Bücher, deren Lektüre die Wahrnehmung der Lesenden auf faszinierend-irritierende Art verändert, ich empfehle diesen Autor allen, die einem kleinen Verlag grosse Literatur zutrauen. Beim Lesen wollen wir Abenteuer eingehen, ein Wagnis, mit Lumbre segeln wir an den Horizont und darüberhinaus. Lumbre ist das Glühen in unseren Herzen, in unseren Augen, wenn Erinnerung aus dem Vergessen spriesst und das Geschenk, das einer der herausragenden Schriftsteller Lateinamerikas uns Lesern macht“.

Der provinziellen Wirklichkeit stellt Ronsino die verblüffende Leichtigkeit seiner Erzählkunst entgegen – und so wie dieses Buch keine ungebrochenen Oberflächen, keine einfachen Erklärungen kennt, so wenig gibt sich Verleger und Buchändler Ricco Bilger mit leichten Lösungen zufrieden. Autoren zu entdecken, sie aufzubauen, das Ausbleiben von Rezensionen und dem doch notwendigen Echo aus dem etablierten „Literaturbetrieb“ aushalten – um dann, manchmal recht spät, doch die Genugtuung zu erhalten, daß er „richtig gelegen“ hat. So ermöglicht Bilger dem Leser beglückende Erlebnisse jenseits der abgegriffenen Bestellermaschinerie, die Literatur mit sehr geringer Halbwertszeit gebiert.

Weg von der Literaturmaschinerie

Nach so vielen Jahren im Literaturgeschäft mit all seinen undurchsichtigen und alogischen Abläufen hatte Bilger Lust, „Bücher zu machen, die sich dem Literaturbetrieb ganz entziehen, wo es nur um das Büchermachen an sich geht“. So rief er die „Edition Sacré“ ins Leben – Bücher ohne ISBN-Nummer, ohne VLB-Listung, Bücher, die nur in der Züricher Buchhandlung oder bei befreundeten inhabergeführten Buchhandlungen zu beziehen sind (darüber werde ich in diesem Blog noch eingehender berichten).

Seit 34 Jahren ist Ricco Bilger im Buchhandel und weiß darum sehr wohl, worauf es Lesern ankommt. Nicht auf ausgetretenen Pfaden zu wandeln, sondern neue Horizonte anzusteuern.
Oder, wie er über einen Autor des Herbstprogramms 2016 schwärmt: die „Erkundung des sechsten Kontinents“.

Buchhandlung sec52
Josefstrasse 51
8005 Zürich
T: 044 271 18 18
sec52.ch

 

 

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