3 Mikro-Romane von Sudabeh Mohafez begeistern mit ihrer geistigen Grösse

Beim Begriff des „Mikroromans“ kam mir zuerst ganz bildlich der Gedanke an ein kleines Buch, kaum 5×5 Zentimeter groß, gedruckt in einer 6pt.-Schrift. In einer Zeit, wo ein Autor nur dann richtig ernst genommen wird, wenn er ein in harte Pappe gebundenes 800-Seiten-Werk vorlegt, vorzugsweise mit einer intensiven Beschau des eigenen Nabels, kam mir der Gedanke, einen „Mikro-Roman“ zu verfassen verwegen vor. Und ein bißchen verwegen ist es schon, was die im „Schwäbischen Wald“ lebende, in Teheran geborene und dazwischen auch längere Zeiten in Berlin und anderen Metropolen lebende Autorin Sudabeh Mohafez in „Kitsune“ realisiert.

Wie schon mit ihrem erfolgreichen „Zehn-Zeilen-Buch“ (2010), welches in der edition AZUR nun bereits in zweiter Auflage vorliegt, hat sich Mohafez weiterhin der Miniatur verschrieben. Die große Form „Roman“ auf ein kleines Format zu bringen haben indes viele Autoren vollbracht, Arno Schmidt etwa liebte den „Kurzroman“ und Stefan Zweig zeigte in der schlanken Form der Novelle seine Meisterschaft. Indes hat die kurze Form heute jenseits der Lyrik viel von ihrer Attraktivität eingebüßt, nicht zuletzt aus starken markttechnischen Gründen: Für viele Verlage ist es schlicht unattraktiv, Erzählbände oder Kurztexte zu publizieren. Oftmals erscheinen kurze Texte als „Füllsel“, als Verlegenheit zwischen zwei Romanwerken, oft wird die kleine Form als Dreingabe schnell in die Backlist verbannt.

Das Miniaturenbuch von Sudabeh Mohafez, verlegt im abenteuerlustigen Dresdner Verlag edition AZUR, könnte da vielleicht so manchen angerichteten Schaden gutmachen, vielleicht den Blick auf eine völlig unterschätzte Literaturform klären.

Die Kunst der spannungsvollen Uneindeutigkeit

„Kitsune“ fällt schon einmal durch die – wie stets bei AZUR – liebevolle, ja detailverliebte Gestaltung auf. Bestes Papier, durchgehend bebildert durch „Rittiner & Gomez“ (später mehr hierzu) und viel Platz für die Mikro-Romane, die mit bewundernswerter Leichtigkeit den Leser gefangen nehmen. Eine einzigartige, niemals übertreibende, von zarter Kälte durchwachsene Prosa-Welt, die mit wenigen Strichen gleichsam eine große Welt skizziert. In stets zehnzeiligen Kapiteln werden Handlungen und Geschichten nicht ausgebreitet, sondern angedeutet, umkreist, touchiert. Dabei geht der Tonfall von surrealer Doppelbödigkeit in „Das eigenartige Haus“ zu den hochpoetischen Andeutungen von „Kitsune“ und „In der Ferne die Felsen“.

In „Das eigenartige Haus“ stellt die namenlose Hauptfigur mit verhaltenem Staunen fest, daß einzelne Etagen oder Wohnungen schrumpfen oder sich wieder ausdehnen. Doch die Außenwelt ist dieser Person suspekt und der einzige Kontakt dort hinaus über einen Mann namens Iwan vertieft die surreale, von einem dezenten Witz getragene Atmosphäre nur weiter.
Die Kunst der spannungsvollen Uneindeutigkeit läßt bis zur letzten Formulierung alles offen. Als Leser atmet man regelrecht auf – endlich einmal eine Autorenstimme, die nicht dem Zwang erliegt, alles auszuerklären, jeden Winkel einer Geschichte auszuleuchten. So erlebt man Literatur von ihrer besten Seite – als Anlass und Aufforderung, die eigene Fantasie einzusetzen.

„Kitsune“ ist das stille, anrührende Portrait eines Mannes namens Vinzent, der den Tod seines kleinen Bruders verarbeiten muss, an dem er selbst Mitschuld trägt. Doch dies muß der Leser selbst mutmaßen, wie er auch die weiße Bergwelt, in der Vinzent zurückgezogen lebt, aus Andeutungen zusammensetzt. Eines Winters nimmt Vinzent Kontakt zu einem weißen Fuchs auf – der Beginn einer praktisch wortlosen, doch zunehmend wachsenden Beziehung zu einem Tier, die weit hinausgeht über die verletzenden und über die Jahre immer geringer gewordenen Kontakte zu Menschen. Ganz natürlich stellen sich gemeinsame Rundgänge durch die Umgebung ein, und Vinzent gelingt es, im Zwiegespräch mit dem Tier eine alte Wunde heilen zu lassen.
„Kitsune“ ist das japanische Wort für Fuchs, in der Mythologie des asiatischen Inselvolkes steht er für ein Wesen, das in Frauengestalt als Heilerin in Erscheinung tritt.

Der letzte der Mikroromane, „In der Ferne die Felsen“, bewegt sich an den äußersten Rand des erzählerischen Verschwindens. Überaus behutsam konstruiert Mohafez den Spannungsbogen der Erzählung über eine Gruppe von drei Menschen, die am Meer in einer Hütte leben. Eine vierte Person – der Beobachter, die Autorin – stellt Mutmaßungen an über diese Menschen, die keine Vergangenheit haben, die nicht wissen, wo sie sind und wie sie dorthin gekommen sein mögen. Sie sind darüber nicht verstört, sie stellen keine Fragen und machen sich keine Ängste.

Vom Blog zum Buch

Das Buch wird bestimmt von der luftigen Gestaltung und den Bildern von „Rittiner & Gomez“. Bemerkenswert ist die Entstehung der Mikro-Romane: Ursprünglich auf dem Weblog der Autorin begonnen, wurden ihre Einträge regelmäßig von dem Schweizer „Bildermacher“ (so die Eigenbezeichnung von Anton Rittiner) mit leichten, monochromen Aquarellen gleichsam kommentiert.
Rittiner knüpfte nahtlos an die Texte an, zeigt eine stille Welt ohne Lärm, die Farben erlöschen fast, in den Braun-, Grau- und Blautönen sind ab und an mit wenigen gezielt gesetzten Einsprengseln andere Farben gesetzt.
Die Dramatik scheint sich oftmals an den Bildrändern abzuspielen, dort, wo der Betrachter schon wieder ausgeschlossen ist durch einen Bild-Rahmen, durch die Sequenzierung der Bilder.

Ein unglaublich stilles Buch ist dieses „Kitsune“, still, beruhigend, mit wenigen Sätzen (und, kongenial, Aquarellstrichen) mehr aussagen als mancher 800-Seiten-Wälzer, dem es, das sei angefügt, nicht gelingen könnte, der freigelassenen Leserfantasie ein so herrliches Spielfeld anzubieten.

Zuletzt sei unbedingt ein Blick auf die Blogs und Webseite der Autorin empfohlen, nicht zuletzt auch auf die Sparte „Termine“, denn die Autorin sollte man unbedingt auch einmal live erleben.

http://sudabehmohafez.de
http://eukapi.twoday.net

http://www.isla-volante.ch

Sudabeh Mohafez
Kitsune. Drei Mikroromane.
Bilder: Rittiner & Gomez
Edition Azur, 2016.
132 Seiten · 21,90 Euro
ISBN: 978-3-942375-22-1

 

Advertisements